Wie zwei Kumpels Fußball-Deutschland im Sturm eroberten
In der Nationalmannschaft sind Joshua Kimmich (links) und Serge Gnabry längst zu Leistungsträgern geworden.
In der Nationalmannschaft sind Joshua Kimmich (links) und Serge Gnabry längst zu Leistungsträgern geworden.
Federico Gambarini

Es ist der 5. Januar 2008, acht Uhr morgens. Während es draußen noch frostig ist, steigen Temperatur und Stimmung im Neubrandenburger Jahnsportforum stetig an. Einlauf der Mannschaften beim 42. Fußball-Knabenturnier des Nordkurier, der VfB Stuttgart traditionell in den weißen Trikots mit dem roten Brustring. Vorneweg bei den Schwaben-Knaben ein schmächtiger Dunkelblonder, mit entschlossenem Blick führt er sein Team in die Arena. An fünfter Stelle folgt ein Kurzgeschorener mit wachen Augen und breiter Brust.

Dieser VfB Stuttgart wird das Turnier derart dominieren, wie es lange davor und danach kein anderes Team vermochte. Die Jungs gewinnen sowohl alle Vorrundenspiele als auch das Halbfinale, sie schießen im Schnitt dreieinhalb Tore pro Spiel, und auch im Finale lassen sie den Defensiv-Spezialisten von Hertha BSC beim 4:1 keine Chance. Dass das so ist, liegt auch an den erwähnten zwei Stuttgartern: Joshua Kimmich und – bei seinem damals bereits zweiten Knabenturnier-Auftritt – Serge Gnabry.

Kimmich dirigiert hinten, Gnabry wirbelt vorne

Gnabry versetzt im Finale nach dem Anpfiff mal eben die komplette Hertha-Abwehr mit einem Doppelpass und trifft nach drei (!) Spielsekunden den Pfosten. Später zielt er noch zwei Mal besser, das Spiel ist nach seinem Doppelschlag entschieden. Gnabry wird 2008 in Neubrandenburg erneut zum besten Techniker sowie zum besten Torschützen gewählt, und er ist es auch, der seine Mannschaft schließlich zur Siegerehrung führt, während Kimmich sich frohgemut weiter hinten einordnet. Und sieht man sich die Spielszenen heute, also fast zwölf Jahre später, noch einmal genauer an, hat sich eigentlich gar nicht viel verändert: Kimmich dirigiert das Spiel von hinten, Gnabry wirbelt vorne und trifft und trifft und trifft.

Was allerdings etwas anders geworden ist: Damals dribbelten zwei Zwölfjährige in der Halle andere Zwölfjährige schwindelig, heute schultern Joshua Kimmich und Serge Gnabry einen nicht geringen Teil der Hoffnungen, wenn es um die Zukunft des FC Bayern München und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geht. Denn in der Zwischenzeit sind die beiden zu herausragenden Fußballern gereift – und zu ziemlich guten Freunden. Kimmich und Gnabry haben in diversen Jugendnationalmannschaften zusammen gespielt, sie haben eigene Wege in den Profi-Fußball und schließlich beim FC Bayern München und in der deutschen Nationalmannschaft wieder zueinander gefunden.

Kimmich meckert oft über Gnabrys Kleidungsstil

Das mag sich vielleicht etwas kitschig lesen, aber schauen Sie mal, was die beiden heute übereinander sagen! „Wir sind uns sehr nahe“, sagte Gnabry im „GQ-Magazin“ über Kimmich, „beim FC Bayern ist er mein bester Freund.“ Und Kimmich im RTL-Interview über Gnabry: „Ich glaube, dass wir gewisse Gegensätze haben. Aber das Wichtigste ist, dass wir viel miteinander lachen und dass der eine dem anderen vertraut – auch, wenn’s mal nicht so läuft.“ Er meckere oft über seine Kleidung, sagt Gnabry über Kimmich, er sei dagegen „ein bisschen kreativer, ein bisschen freakier“.

Die Ball-Buddies necken sich immer mal wieder gerne oder lassen sich plötzlich mal eben zeitgleich einen eher mittelhübschen Schnauzbart stehen. Und in den vielen Interviews ihrer noch jungen Karriere werden sie nicht müde, die Vorzüge des anderen immer wieder zu betonen. Nun also das ganz große Theater: der FC Bayern, die Champions League, die Nationalmannschaft, höchst wahrscheinlich auch zusammen die EM 2020, vielleicht die WM 2022 und wer weiß, was dann alles noch. Eine Kostprobe ihrer gemeinsamen Fußball-Zukunft gab das dynamische Duo jüngst beim Freundschafts-Länderspiel gegen Argentinien. Gnabry – mit wachen Augen, breiter Brust und Dreadlocks – traf artistisch zum 1:0 und legte anschließend zum 2:0 auf. Das Team in die Arena geführt hatte dagegen – mit entschlossenem Blick – der Kapitän Joshua Kimmich.

Sebastian Langer