Ein Kultkicker will viele Tore sehen
Jimmy Hartwig ist mittlerweile vom grünen Rasen auf die Theaterbühne gewechselt.
Jimmy Hartwig ist mittlerweile vom grünen Rasen auf die Theaterbühne gewechselt.
Frank Leonhardt

Als Fußballprofi spielte Jimmy Hartwig in der Bundesliga und auch international. Er besiegte mehrfach den Krebs und war im Dschungelcamp. Jetzt spielt er Theater. Mit dem Ehrengast beim 52. Knabenturnier sprach Nordkurier-Redakteur Robert Stoll über die Gemeinsamkeiten zwischen der Theaterbühne und dem Fußballfeld.

Sie hatten kürzlich Premiere mit der Operette „Roxy und ihr Wunderteam“. Wie ist es gelaufen?

Es ist wunderbar gelaufen. Wir hatten volles Haus, obwohl das Stück weitgehend unbekannt ist. Ich war natürlich nervös, weil ich als Erster auf die Bühne musste, aber das gehört einfach dazu. Die Premiere ist immer ganz besonders aufregend, insbesondere wenn 50 Familienmitglieder und Freunde im Publikum sitzen. Aber die zweite und dritte Aufführung war auch schon sehr gut, sodass ich der Spielzeit bis Juni 2018 sehr freudig entgegen sehe.

Früher haben sie vor Tausenden von Fußball-Fans gespielt, heute stehen Sie auf der Theaterbühne. Gibt es Unterschiede oder sehen Sie sogar Parallelen?

Den Hauptunterschied sehe ich darin, dass die Bühne – die Spielfläche – geografisch kleiner ist als im Fußball. Ansonsten sehe ich nur Parallelen. Man agiert im Team, ist voneinander abhängig, motiviert sich gegenseitig. Man siegt oder verliert gemeinsam. Und dies alles immer vor Publikum. Ob im Fußball oder im Theater, die Akteure stehen im Mittelpunkt und haben die schwere Aufgabe, die Zuschauer zu unterhalten. Im Ergebnis wird man entweder bejubelt oder ausgebuht.

Wie kommt man eigentlich als ehemaliger Fußballer zum Theater?

Rückblickend sehe ich diese Entwicklung als völlig natürlich an. Wer mich als Fußballer kennt, kennt mich als Rampensau im positiven Sinne. Aber es hat ganz klassisch angefangen: Mein späterer Regisseur, Mentor und Freund Thomas Thieme hat mich eines Tages im Restaurant der Berliner Schaubühne gesehen und angesprochen. Er ist nicht nur ein wunderbarer Schauspieler und Regisseur, sondern auch ein verrückter Fußballfan. Er kannte mich also aus meiner aktiven Zeit und auch meine Leidenschaft, Menschen unterhalten zu wollen. Am Ende des Abends fragte er mich, ob ich mir ein Engagement als Theaterschauspieler vorstellen könnte. So ging es mit meiner ersten Rolle neben Ben Becker in Bert Brechts „Baal“ im Jahr 2002 mit meiner Theaterkarriere los. Aber Theaterspielen ist meine Leidenschaft, nicht mein Hauptberuf.

Der ist bei der AOK. Was genau ist dort Ihre Aufgabe?

Ich bin Gesundheitsbotschafter der AOK Nordost. Die AOK ist schon sehr lange sehr stark in Sachen Prävention unterwegs und ich kämpfe mit ihr zusammen für die Männergesundheit. Die Vorsorgeangebote werden von Männern viel zu selten genutzt. Man(n) fühlt sich stark und unverwundbar oder hat vielleicht auch Angst vor der Untersuchung. Das ist natürlich Quatsch, ich spreche da aus leidvoller Erfahrung. Daher meine Botschaft: Tut was, Jungs! Geht zur Vorsorge. Viele Krankheiten, wie Prostata- oder Hodenkrebs kann man sehr gut behandeln, wenn man sie früh erkennt. Es ist so leicht, Vorsorge zu betreiben und damit seine Gesundheit, sein Leben zu retten.

Beim Fußball-Knabenturnier treten Sie als Ehrengast auf. Was haben Sie bisher über die Veranstaltung gehört und wie sind Ihre Erwartungen?

Ich habe gehört, dass das Fußball-Knabenturnier mit seiner langen Tradition eines der größten und renommiertesten Jugendfußballturniere bundesweit ist und dass jedes Jahr 3000 Zuschauer in die Halle strömen, um die Stars von Morgen anzufeuern. Sportlich gesehen wünsche ich den Jugendlichen viel Spaß und viele Tore.

Wie wichtig ist der Jugendfußball in der heutigen Zeit?

In unserer digitalen und virtuellen Zeit ist es umso wichtiger, dass die Kinder und Jugendlichen die Bewegung in der realen Welt nicht vergessen oder sogar verlernen. Das wäre langfristig gesundheitlich und sozial sehr schädlich. Der Fußball ist ein besonderer Motor für die Jugendlichen, weil er durch die Erfolge des Profifußballs so sehr beliebt ist und weil er eine Teamsportart ist. Er holt die Einzelgänger aus dem Netz zurück in die soziale Umgebung eines Teams – mit allen Vor- und Nachteilen.

Ist so eine Erfahrung als junger Bursche vor 3000 Zuschauern zu spielen für seine Entwicklung wichtig?

Es ist sicherlich eine aufregende und unvergessliche Erfahrung für jeden Menschen. Aber ob die Zuschauerzahl die Entwicklung beeinflusst, kann ich mir nicht vorstellen.

Welche Tipps würden Sie den heutigen Jugendspielern für ihre Karriere mit auf den Weg geben?

Ich hoffe, dass den Jugendspielern heutzutage klar ist, dass sich die wenigsten Fußballer ein Leben lang vom Fußball ernähren können. Es steht also außer Frage, dass eine gute Schul- und Berufsausbildung an allererster Stelle steht. Das gilt für alle Sportarten, die man aus Altersgründen nicht ewig betreiben kann. Sollte es dann noch möglich sein, neben Schule und Ausbildung noch Fußball spielen zu können, dann ist es ein Geschenk.

In Ihrer eigenen Karriere standen Sie mit dem Hamburger SV zweimal in einem europäischen Finale, konnten aber nicht mitspielen. Was war das für ein Gefühl?

Das ist ungefähr so, wie wenn man vor dem Altar von der Braut stehen gelassen wird.

Robert Stoll